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    Im Gespräch mit dem Bischof der Christkatholischen Kirche, Hans Gerny

    kipa/bern/christkatholische.kirche/bischof.gerny

    Die Christkatholiken - Wie eine

    "kleine Kirche" bestehen soll

    Von Evelyne Graf / KIPA

    Bern, 30.12.93(KIPA) Unter dem provokativen Titel "Warum das Weib nicht

    schweigen will in der Kirche" führt die Christkatholische

    Erwachsenenbildung im Januar eine Tagung durch. "Die Frage der

    Frauenordination bewegt viele Menschen; es geht um eine Wahrheitsfindung.

    Leider üben gewisse Kreise in der Kirche unguten Druck aus", erklärt der

    Bischof der Christkatholischen Kirche, Hans Gerny, während eines Gesprächs

    am Bischofssitz in Bern. Zu der Thematik der Frauenordination, aber auch zu

    den Zukunftsperspektiven der Christkatholischen Kirche nach dem Ergebnis

    der Volkszählung 1990 befragt, äussert sich der Bischof.

    "Bei der Tagung am Wochenende vom 8./9. Januar in Dulliken geht es nicht

    in erster Linie um die Frage der Frauenordination, sondern um die Frage

    nach Stellung und Bedeutung der Frau und des Weiblichen in der Kirche

    überhaupt", führt Bischof Gerny aus. Der Entscheid der anglikanischen

    Kirche von England, die Frauen zum Priesteramt zuzulassen, habe die

    altkatholischen Kirchen der Utrechter Union, zu der die Christkatholiken

    gehören, natürlich nicht unberührt gelassen. "Da wir in

    Sakramentsgemeinschaft mit der anglikanischen Kirche stehen, ist der

    Entscheid für uns von Bedeutung", so der christkatholische

    Kirchenvorsteher. Anglikanische Priesterinnen dürften aber in

    altkatholischen Kirchen keine Funktionen ausüben. Denn das würde den

    altkatholischen Entscheid präjudizieren.

    Vor einer Zerreissprobe

    Dass das ursprünglich gewünschte gemeinsam verantwortete Suchen nach

    einem Konsens in dieser Frage in den Kirchen der Utrechter Union ernsthaft

    bedroht ist, schmerzt Bischof Gerny: "Zwei Extreme stehen sich gegenüber:

    die nordamerikanische Kirche polnischer Herkunft (80000 Gläubige), die die

    Frauenordination kategorisch ablehnt und darüber nicht diskutieren will,

    und die deutsche Kirche (30000 Gläubige), für welche die Priesterweihe von

    Frauen absolut ’Wille Gottes’ zu sein scheint, und die deshalb ebensowenig

    bereit ist, sich diesbezüglich in einen Prozess der Entscheidungsfindung

    einzulassen." Bischof Gerny, dem gerade in dieser Frage ein echter Dialog,

    gegenseitiges aufeinander-Hören ein besonderes Anliegen ist, verweist auf

    die Haltung der Christkatholiken in der Schweiz: "Viele Menschen spüren,

    dass ein Entscheid über die Frauenordination im Einklang mit der Utrechter

    Union geschehen muss; trotzdem sind auch viele ungeduldig..."

    Falls sich die seit 1889 in der Utrechter Union zusammengeschlossenen

    altkatholischen Kirchen in dieser zentralen Frage nicht einigen können, ist

    ein Auseinanderbrechen dieser rund eine halbe Million Gläubige umfassenden

    Kirchen-Union nicht ausgeschlossen. Dass eine Aufsplitterung gerade für die

    Christkatholiken in der Schweiz schwerwiegende Folgen hätte, liegt für

    Bischof Gerny auf der Hand. Hinzu kommt eine starke Überalterung und die

    Diasporasituation. Die Christkatholiken - in der Schweiz bilden sie eine

    der drei Landeskirchen - stehen also vor enormen Herausforderungen! "Als

    kleine Kirche ist man manchmal auch überfordert", sagt der trotz allem

    zuversichtlich gestimmte Bischof.

    Eine Alternative zur Welt

    Für die Seelsorge der Christkatholiken in der Schweiz stehen zur Zeit

    rund 30 Geistliche und vier Diakoninnen zur Verfügung. Priestermangel gibt

    es nach den Worten von Bischof Gerny nicht. Die Diasporasituation aber

    mache die seelsorgliche Betreuung schwierig. Praktisch in allen Gemeinden

    hätten einerseits Gläubige das Gefühl, zu wenig besucht, von der Kirche

    allein gelassen zu werden. Andererseits sei die Belastung der Geistlichen

    mit Verpflichtungen im Bistum, mit Nebenämtern in Institutionen und

    Hilfswerken sehr gross. Doch die Probleme seien mit gutem Willen lösbar.

    "Es geht darum, Kirche als lebendige Gemeinschaft erfahrbar zu machen, als

    einen Ort, wo man sich um mich kümmert, und wo ich mich um andere kümmern

    kann; es geht darum, dass Menschen spüren, dass die Kirche eine echte

    Alternative bietet zum Leben in der Welt, dass man mit Christus besser

    lebt", betont Bischof Gerny. (kipa/eg)

    Kästchen

    Die Christkatholiken in Zahlen

    (KIPA) Gemäss der Volkszählung von 1990 hat die Zahl der Christkatholiken

    in der Schweiz in den letzten zwanzig Jahren um rund die Hälfte abgenommen.

    Gab es 1970 noch 20268 Christkatholiken, so waren es 1990 nur noch 11748.

    In Wirklichkeit liegen laut der Christkatholischen Kirche die

    Mitgliederzahlen jedoch höher, aufgrund staatlicher/kantonaler Steuerlisten

    bei etwa 14000. Die Zahlen von Volkszählungen seien aus verschiedenen

    Gründen nicht immer exakt, besonders, was religiöse Minderheiten angehe,

    "deren Mitglieder kein ausgeprochenes Exklusivitätsdenken besitzen". - Für

    das Jahr 1877 gibt es laut Prof. Urs von Arx, Liebefeld BE, "eine

    realistische Annahme von rund 50000 Christkatholikinnen und

    Christkatholiken, für 1920 (bei nunmehr konsolidierten Kirchenstrukturen)

    rund 56000. - Die altkatholischen Kirchen sind aus dem Kampf gegen die

    Papstdogmen des I. Vatikanischen Konzils (1869-1870) entstanden. (kipa/eg)

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